Gesunde Ernährung

Magersucht - Anorexia nervosa
Verbreitung
- Geschlecht: 95 % Frauen, 5 % Männer (im folgenden wird deshalb immer von Frauen gesprochen)
- Häufigkeit: etwa 1 % aller Frauen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren
- Betroffene stammen vorwiegend aus der Mittel- und Oberschicht
- Erkrankungsbeginn entweder im frühen Jugendlichen- oder frühen Erwachsenenalter
Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa (nach ICD10)
1. Körpergewicht mindestens 15% unter dem erwarteten Gewicht oder BMI* ab 17,5 oder kleiner
2. Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Diäten und eine oder mehrere der folgenden Maßnahmen
- selbst herbeigeführtes Erbrechen
- selbst herbeigeführtes Abführen
- übertriebene körperliche Aktivität
- Gebrauch von Appetitzüglern und Entwässerunspräparaten
3. Körperschemastörungen
4. Körperlich/hormonelle Störungen:
- bei Frauen: Ausbleiben der Menstruation
- bei Männern: Libido- und Potenzstörungen
5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pupertät:
- verzögerte Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte
- nach Rückgang der Erkrankung häufig normale Pubertätsentwicklung, aber verspätetes Einsetzen der Menstruation
*BMI = Body-Mass-Index = Körpergewicht in kg / Körpergröße in m2
Magersüchtige versuchen Hunger und Appetit zu überwinden und setzen Kontrolle an Stelle des menschlichen Grundbedürfnis zu essen. Sie reduzieren das Essen auf ein Minimum und kontrollieren ständig die Gewichtsabnahme, die sie häufig durch Abführmittel unterstützen. Auch der Sport dient diesem Ziel: Magersüchtige nutzen exzessives Muskeltraining, um möglichst viele Kalorien zu verbrauchen. Häufig verbringen sie Stunden mit Trainingsformen wie Hantelübungen, Liegestützen, Kniebeugen, Joggen, Aerobic oder Radfahren.
Obwohl Magersüchtige die Nahrungsaufnahme weitgehend verweigern, beschäftigen sie sich geistig ständig mit dem Essen, sie sind nicht appetitlos, wie das Wort Anorexia vorgibt, sondern sie leiden Hunger, den sie aber hartnäckig leugnen. Das Denken der Betroffenen kreist nur noch ums Essen oder besser ums Nichtessen und lässt die Auseinandersetzung oder Beschäftigung mit anderen wesentlichen Dingen nicht mehr zu. Um ihr Hungergefühl zu vertreiben, trinken Magersüchtige oft Unmengen Mineralwasser, Tee oder Kaffee oder kauen Kaugummi.
Eine andere Art, den Hunger zu bewältigen, besteht darin, dass sich die Magersüchtigen lange in Lebensmittelabteilungen aufhält, Nahrungsmittel und Süßigkeiten in die Hand nimmt, sich quasi satt schaut, und sie dann wieder weglegt. Magersüchtige kochen häufig für andere, wälzen Kochbücher, tauschen Kochrezepte aus, animieren andere zu essen, um nicht selber essen zu müssen. Wenn Magersüchtige in der Gesellschaft von anderen essen müssen, schieben sie das Essen häufig auf dem Teller hin und her oder sie lassen es irgendwie verschwinden - aus der panischen Angst heraus, wirklich etwas schlucken zu müssen und dabei die Kontrolle zu verlieren, die sie sich so mühsam erkämpft haben.
Die Kontrolle gibt Magersüchtigen die Stärke, sich über alle Bedürfnisse hinwegzusetzen, diese nicht zuzulassen, und sie gibt ihnen das Gefühl etwas Besonderes, ganz Außergewöhnliches zu sein, und damit über allen anderen zu stehen. Dieses Gefühl ist das einzige, was Magersüchtige sich zugestehen. Die Kontrolle über den eigenen Körper mit seinem Gefühlsleben und seinen Bedürfnissen ist ein Kampf um persönliche Autonomie. Die Magersüchtige versucht oft, durch Disziplinierung ihrer Gefühle und vermeintlich niedrigen Bedürfnisse und auch durch deren Überwindung ihr Leben zu verändern und ein besserer Mensch zu werden. Sie verweigert nicht nur die Nahrung, sondern auch Abhängigkeit, Kommunikation und Fürsorge. Ein Leben ohne Kontrolle über sich selbst kann sie sich deshalb kaum vorstellen.
Er ist aber nur eine Frage der Zeit, bis eine Magersüchtige die Kontrolle über sich nicht mehr aufrechterhalten kann. Die ständige Unterdrückung des Hungergefühls lässt den Wunsch nach Essen immer stärker werden. Aus Hunger wird Heißhunger, und die Magersüchtige fühlt sich von einer Fressattacke überwältigt. Voller Ekel vor sich selbst versucht sie, das Essen wieder loszuwerden. Entweder durch selbst herbeigeführtes Erbrechen oder durch den Missbrauch von Abführmitteln. Dann ist die Grenze zur Ess-Brech-Sucht (Bulimie) bald überschritten.
Das Untergewicht und die einseitige Nahrungsauswahl, bei einem Teil der Patientinnen zusätzlich die extreme körperliche Betätigung, führen zu einer Reihe von körperlichen Begleitsymptomen, die im Verlauf der Anorexia nervosa auftreten können (in Abhängigkeit von Schweregrad und Dauer der Störung):
- Magenfunktionsstörungen
- Völlegefühl
- Verdauungsstörungen
- Elektrolytstörungen
- Nierenfunktionsstörungen
- Ödeme
- Mineral- und Vitaminmangelzustände
- Trockene Haare, Haarausfall
- Uhrglasnägel
- Trockene Haut
- Störungen des Herz-Kreislauf-Systems
- Anämie
- Lanugobehaarung (Flaumhaar)
Ausblick
- 30 - 40% erleben nach mindestens vierjähriger Behandlungs- und Beobachtungszeit einen Rückgang der Erkrankung
- bei etwa 50 % Fortbestehen des gestörten Essverhaltens
- Sterblichkeitsrate drei- bis sechsfach erhöht gegenüber Normalbevölkerung
- 30 - 50% der Todesfälle durch Selbstmord



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