Gesunde Ernährung

Ess-Brech-Sucht (Bulimie)
Verbreitung
- Geschlecht: 99 % Frauen, 1 % Männer (im folgenden wird deshalb immer von Frauen gesprochen)
- Häufigkeit: 1 - 3% aller Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren
- Erkrankungsbeginn bei 80% vor dem 22. Lebensjahr
- Betroffene stammen vorwiegend aus der Mittel- Und Oberschicht
- Bei ca. 50% ist Anorexie vorangegangen
Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa (nach ICD 10)
1. Andauernde Beschäftigung mit dem Essen, Gier nach Nahrungsmitteln, Essanfälle
2. Anwendung gewichtsreduzierender Maßnahmen:
- selbst herbeigeführtes Erbrechen
- selbst herbeigeführtes Abführen
- Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsen- und Entwässerungspräparaten
- Diät halten oder Fastenperioden
- bei insulinpflichtigem Diabetes: Vernachlässigung der Insulinbehandlung
3. Krankhafte Furcht, dick zu werden
4. In der Vorgeschichte häufig Anorexia nervosa
Eine bulimische Frau verspürt häufig ein übermäßiges Verlangen zu essen und stopft innerhalb einer kurzen Zeitspanne wahre Unmengen von Nahrung in sich hinein: Bis zu 30.000 Kalorien pro Anfall! Nach einer solchen Heisshunger-Attacke erfolgt bei der überwiegenden Mehrheit der betroffenen Frauen ein selbst herbeigführtes Erbrechen, oder sie versuchen durch Einnahme von Entwässerungs- oder Abführmitteln, durch strenges Fasten, strenges Diäthalten sowie durch extreme sportlich Betätigung eine Gewichtszunahme zu verhindern. Solche Attacken können bis zu sechsmal täglich oder auch nur ein- bis zweimal in der Woche auftreten. Die bulimische Frau fühlt sich in einem zyklischen Essverhalten gefangen, welches sie nicht mehr kontrollieren kann, einem Teufelskreis von Essen und Erbrechen oder Essen und Hungern, dem sie scheinbar nicht entrinnen kann.
Wie kann sich Bulimie entwickeln?
Eine solche Störung im Essverhalten kann ganz unauffällig und schleichend beginnen. Anfangs gibt es häufig Phasen, in denen Diäten eingehalten oder vermeintlich harmlose Abführmittel eingenommen werden, sowie gelegentliches Fressen und Erbrechen. Insgesamt hat die Frau aber noch die Kontrolle über sich, und die Diät und Fress-Brech-Perioden sind Unterbrechungen eines sonst durchweg normalen Lebens. Die Betroffene versucht, möglichst ohne großen Aufwand, eine Gewichtszunahme zu verhindern, und hat mit ihrem Erbrechen scheinbar eine Lösung für ihr Gewichtsproblem gefunden . Doch was so harmlos aussah, kann sich schnell ins Gegenteil verwandeln und bedrohlich werden. Die im Anfall verschlungenen Nahrungsmengen werden größer, das Erbrechen erfolgt häufiger, und die Kontrolle über ihr Verhalten entgleitet der betroffenen Frau mehr und mehr. Die Waage rückt zunehmend in den Mittelpunkt des Lebens, und alles beginnt, um Essen und das Körpergewicht zu kreisen.
Die bulimische Frau ist meist normalgewichtig, gepflegt, attraktiv und sozial unauffällig. Sie wirkt kontaktfreudig, selbstbewusst und ist oft erfolgreich im Beruf. Sie ist leistungsorientiert, als Kollegin geschätzt und scheint eine autonome, wenig hilfsbedürftige Frau zu sein, die den Anforderungen des Lebens gerecht wird.
Das perfekte Äußere der Betroffenen verbirgt den Kampf, der in ihr tobt, der nicht nach außen dringen darf. Sie fühlt sich zerfressen von den Gedanken an Essen, dem nächsten Heißhunger, der Angst vor einer Gewichtszunahme und führt ein Doppelleben, das viel Kraft kostet, denn sie hat ständig Angst, dass ihre Abnormalität entdeckt wird. Die Fressanfälle finden heimlich statt. Dazu schließt sich die Frau ein, nimmt das Telefon nicht ab und öffnet nicht die Tür. Oft wissen die nächsten Angehörigen nicht von der jahrelangen Qual einer Bulimikerin.
Die betroffene Frau leidet jedoch unter ihrem Essverhalten und erlebt es als fremd und bedrohlich. Weil sie sich so wenig unter Kontrolle hat, fühlt sie sich schuldig und empfindet Abscheu und Ekel vor sich selbst.
Die bulimische Frau kann sich meist selbst nicht verstehen und erlebt von daher auch ihren Körper als einen Feind, der unbeherrschbar erscheint, der zunimmt, dessen Gefühle sie überrollen. Sie akzeptiert einerseits zwar ihr weibliches Geschlecht, erlebt ihren Körper aber als nicht vollkommen und von daher beschämend. Vom Körpergewicht hängt das Wohlbefinden der Frau ab: Wiegt sie mehr, als sie möchte, vergeht ihr auch jede sexuelle Lust. Sie lehnt ja ihren Körper ab, so wie er ist, und kann es dann nicht ertragen, berührt zu werden. Das Gefühl, sich selbst vertrauen zu können, eins sein zu können mit sich und ihrem Körper, verschwindet bei der Frau immer mehr.
Es fällt ihr schwer, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, zu erkennen, was in ihr vorgeht. Meist ist sie nicht in der Lage, sich mit Problemen direkt auseinanderzusetzen. Und versucht aufkommende Gefühle wie Einsamkeit, Wut, Ablehnung und Unzulänglichkeit mit Essen zu regeln. Die Kontakte mit anderen werden immer oberflächlicher und ärmer. Die Bulimikerin hat Angst, Einladungen anzunehmen, weil sie befürchtet, den Termin wegen eines Fressanfalls nicht einhalten zu können, oder auch, etwas essen zu müssen, was nicht in ihren Plan passt. Der Zyklus, in dem sich dies Frau gefangen fühlt, lässt ihr kaum noch Zeit für Freunde, erschöpft und deprimiert sie. Dadurch vergrößert sich ihre Isolation und ihre Einsamkeit. So führt eine Bulimikerin einen verzweifelten Kampf mit sich selbst und lebt in dem ständigen Zwiespalt zwischen Aufhören und Weitermachen. Ihre eine Seite möchte aus dem Teufelskreis von Scham, Wut und Erniedrigung ausbrechen, ihre andere Seite kann nicht verzichten, weil sich keine denkbare Alternative bietet, das Bild der eigenen Identität diffus, verschwommen und unbekannt.
Körperliche Symptome der Bulimie
- Elektrolytstörungen
- Mineralien- und Vitaminmangelzustände
- Zahnscheiden
- Ödeme
- Vergrößerte Speicheldrüsen
- Zyklusstörungen
- Magenfunktionsstörungen
- Magenerweiterung, gelegentlich Magenrisse
- Verdauungsstörungen
- Psychiatrische Begleiterkrankungen
Essprotokoll einer Patientin mit Bulimie
Ein "Fresstag"
9.00: 1 Tasse Kaffee, schwarz
11.00: 1 Tasse Kaffee, schwarz
12.30: 1 Tasse Kaffee, schwarz, 1 Knäckebrot
15.00: 1 Glas Multivitaminsaft, 1 Apfel
17.30: Nach dem Einkaufen, im Auto auf dem Weg nach Hause: 1 Tüte Waffelkekse (400g)
18.15-22.00: Zu Hause:
- 1 Packung Spaghetti mit Tomatensoße (500 g)
- 1,5 Flaschen Mineralwasser
- 3 Becher Vanillepudding mit Sahne (3 x 175g)
- 2 Tafeln Schokolade
- 1l Orangensaft
- ½ Packung Toastbrot mit 250g Lyoner
- 1 Familienpackung Pommes frites mit einem Glas Mayonnaise
- 3 Flaschen Fanta
- 1 Packung Eis mit Schokoladensoße (1250 ml)
- 2 Flaschen Mineralwasser
Erbrechen
17.45: 1 x
18.15-22.15: 2 x
Der darauffolgende Tag: ein "Diättag"
9.00: 1 Tasse Kaffee, schwarz
11.00: 1 Tasse Kaffee, schwarz
12.30: 1 Tasse Kaffee, schwarz, 1 Knäckebrot
15.00: ½ Flasche Mineralwasser
15.00: 1 Tasse Kaffee, schwarz, 1 Knäckebrot
18.00: 1 Pfirsich
21.00: 1 Flasche Mineralwasser
23.00: 1 Flasche Mineralwasser
Kein Erbrechen
Ausblick
- 50% erleben nach zwei- bis 10-jähriger Behandlungs- und Beobachtungszeit einen Rückgang der Erkrankung
- bei 20% bleibt die Bulimie fortbestehen
- bei 30% bleibt ein gestörtes Eßverhalten



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